PENDING OBJECTS

Gruppenausstellung mit Arbeiten von Johanna Binder, Sarah Fripon, Julia Haugeneder, Stine Ølgod und Paul Robas

19. 03. - 30. 04. 2021
5020 Salzbvurg
Residenzplatz 10
5020 Salzburg

Das englische Adjektiv „Pending“ heißt auf deutsch etwa „bevorstehend“ oder „schwebend“. Damit rührt sein Gehalt an das Zeitliche wie das Räumliche. Das Wort kann zudem „unerledigt“ bedeuten. Reiht man diese Begriffe aneinander – bevorstehend, schwebend, unerledigt –, so tritt etwas eigentümlich Unentschiedenes, Offenes hervor; jedenfalls etwas Nicht- Determiniertes. „Noch nicht“, könnte man in die Reihe rufen, denn solche Adjektive machen ihre Objekte immerhin zu Ankündigungen: Das Bevorstehende wird kommen, das Schwebende wird landen, das Unerledigte wird erledigt.

Den spezifischen Charakter der Ankündigung verkündet aber nicht das vorstehende Adjektiv „Pending“, sondern erst sein Substrat „Objects“. Denn das Adjektiv muss sich auf etwas beziehen. Wir müssen wissen, was uns konkret tangiert, sei es bevorstehend, schwebend oder unerledigt. Jedes Adjektiv bezieht sich also auf ein Etwas, eine Substanz, der es eine Qualität zuschreibt. Ohne diesen Bezug bleiben die Worte ohne Identität, lediglich ein geisterhaftes Schulterzucken, das vage auf seine Haltlosigkeit verweist.

Was aber, wenn wir „Pending“ den Status des Adjektivs entziehen und ihm Substrat-Status verleihen? Wenn wir so tun, als wäre „Pending“ die Substanz, das „Eigentliche“, das Bezeichnete und nicht die Zuschreibung? Eine solche Umkehrung ist kaum zu fassen; sie scheint den Urzusammenhang zwischen Denken und Grammatik aufzulösen. Denn Objekte können Wiewörter sein (der Wald ist schön), aber Wiewörter können keine Objekte sein (schön ist kein Wald), sondern sie nur einfangen und verwandeln. Die beruhigende Identität entfällt.

Die Werke der Ausstellung sind selbst nicht in der Schwebe, nicht bevorstehend oder unerledigt, „Pending“ ist nicht ihre Eigenschaft, sondern ihre Funktion. Fungiert der herkömmliche Ausstellungstext allzu oft als erste Präformation künstlerischer Arbeiten in Richtung ihrer Bestimmung als Waren unter Waren unter Waren, so möchte dieser Text zur temporären Verweigerung unserer Einordnungsgier einladen. Keine Partizipation wird verlangt, kein Narrativ gesetzt. Die Verunsicherung, die die übersetzte Wortreihe – bevorstehend, schwebend, unerledigt – auslöst, wird begrüßt.

Aber – FOR CRYING OUT LOUD – hier soll selbstverständlich auch keiner vor-kritischen Kontemplation das Wort geredet werden. Nein, das Bürgersubjekt soll sich nicht in jener Harmlosigkeit und Losgelöstheit üben, die entsteht, wenn Kunst zum Anderen der Arbeitswelt verkleinert wird. Wer sich ohne kategoriale Einordnungen ausliefern kann, entrückt nicht in einen virtuellen Wellness-Bereich, sondern hin zum Material, hin zu den Farben, hin zu vermeintlich Unbewegtem, dessen Formen zu Inhalten werden, die zumindest kurz ohne Worte und Anbindungen bleiben, sich kurz gegen die Gesetze des Ganzen emanzipieren. Die Neugier entsagt kurz der Gier und entdeckt die Weiten der Assoziation und des Imaginären. Mehr kann man ja nicht verlangen.

Was Adorno zufolge die Philosophie der Welt nicht antun solle, soll ein Ausstellungstext der Kunst nicht antun – also nicht sie auf „ein präfabriziertes System von Kategorien [...] reduzieren, sondern, gerade umgekehrt, sich in einem bestimmten Sinn offen [...] machen für das, was dem Geist an Erfahrung sich darbietet. Und von diesem Erfahrungsbegriff und der veränderten Stellung zur Unendlichkeit möchte ich dann am Donnerstag weiter sprechen.“ (1)

Text von Simon Stockinger

(1) Adorno, Theodor W. (2007/1965): Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/1966. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 113

BERND LACHT
Text von Simon Stockinger

 

Bernd Aichgruber schreckte aus seltsamen Fantasien über heilsame kleine Tiere hoch und fand sich auf einer abschüssigen Landstraße, allein, umgeben von dichtem Nebel. Er machte eine entschuldigende oder abwehrende Geste, aber es war wirklich niemand da. Irgendwo, weit weg, bellte ein Hund, echolos und ohne Antwort. In den Fichten klirrte es, aber alles stand.

 

Ein Gefühl von Stechschrittnadeln kroch Bernd Aichgruber vom Nacken in die Stirn. Die Worte wir müssen noch rollten ihm zwischen den Augen, wiederholten sich, wurden immer schneller, bis das Fantasiewort Ennoch unangenehm hervorstieß, immer wieder. Es – das alles – war nicht

auszuhalten, etwas musste geschehen oder weitergehen.

 

Was ist das nur für ein Gefühl?, warf Bernd Aichgruber in den Strudel. Silben eckten aneinander, aber nichts verfing, der geworfene Satz verschwand, wie alle Sätze, die nicht zu Monstern oder Statuen werden. Das Karussell – solche Metaphern drängten sich der eigenschaftslosen Figur Bernd Aichgruber auf – wurde immerhin langsamer. Also, hauchte er und nahm das Wort, gab ihm Wucht, und stemmte es in den Strudel. Jetzt war wirklich alles – ALLES – ruhig.

 

Aus dem Nebel kam Beifall oder auch nicht und der Erschrockene lachte schnell auf. Kurz spielte er mit dem Gedanken, fest an einem der runden Steine vom Wegesrand zu kauen. Er würde sich ein, zwei Zähne ausbeißen. Später könnte er dem Zahnarzt erzählen,        er habe den Stein für ein MentosZuckerl gehalten oder – besser noch – man habe ihm einen Streich gespielt mit dem Mentos, es tue allen Leid, diese jugendlichen Arschlöcher hätten es nicht so gemeint.

 

Bernd Aichgruber entschied sich gegen den Stein, aber er wusste plötzlich, er würde alles, sein ganzes Leben, radikal und kompromisslos ändern; sobald er aus diesem Nebel getreten war, würde er damit beginnen; er wusste schon die ersten Schritte, die dazu nötig waren; die ersten Anrufe. Jetzt lächelte er und ging schnell weiter. Hinter dem Nebel empfing Bernd Aichgruber gleißendes Sonnenlicht.

 

Er änderte nichts an seinem Leben. Im Verlauf der nächsten Jahre – sie begannen kalt, endeten kalt, und ihre Mitten hinterließen klebrige Hoffnungsschlieren – entwickelte er eine Vorliebe für Steine, für das Sammeln von Mineralien. Er mochte insbesondere solche mit schimmerndem Innenleben; jene, in die er versinken konnte, bis das steinharte Gehäuse zu verschwinden schien; es verschwand einfach durch das Schauen, wie nichts sonst. Niemand aus dem beschaulichen Umfeld des Bernd Aichgruber wunderte sich über dieses Hobby, wie er selbst es gerne verächtlich kichernd benannte, meistens wurde es lediglich als sympathische Schrulle belächelt.